Fast genau 3 Jahre ist es jetzt her, dass durch einen glücklichen Zufall ein überaus bedeutender Fund in den Weinbergen von Bad Vöslau gemacht werden konnte. Nach einer mehr als einmonatigen wissenschaftlichen Grabung wurde das fast vollständige Skelett einer „Alt Bad Vöslauerin" geborgen. Es handelte sich um die Reste einer Seekuh, die in der „Gainfarner Bucht" vor mehr als 15 Mio. Jahren gelebt hat.

Zu dieser Zeit, dem sogenannten Badenium (16,4 bis 13 Mio. Jahre), war das sich einsenkende Wr. Becken von einem warmen Meer überflutet, der sogenannten Paratethys. Dieses Meer hatte Verbindung zum Mittelmeer wie auch zum Indopazifik und war der Lebensraum einer Unzahl von verschiedenen Meerestieren. Wo sich heute Weingärten als auch fruchtbare Äcker erstrecken und Gras für hungrige Milchkühe gemäht wird, weideten vor langer Zeit Seekühe in großen Seegraswiesen. Viele „Zeitzeugen" und dieser Zeit sind im Stadtgebiet von Bad Vöslau noch heute zu finden.
Jahrestagung ÖPG 2006
Im Mai 2006 fand die Jahrestagung der Österreichischen Paläontologischen Gesellschaft in Bad Vöslau statt. Da die fossile Muschel – und Schneckenfauna von Gainfarn auf Grund ihrer Artenfülle und sehr guten Erhaltung Weltruf genießt, lag es natürlich nahe hier einen Exkursionspunkt anzusetzen. Dank freundlicher Genehmigung des Grundeigentümers, Hr. Karl Lindenberg, und großer Unterstützung von Seiten der Gemeinde Bad Vöslau, konnte an den Hängen des Lindenberges eine Grabung unter der Leitung des Vöslauer Hobbypaläontlogen und freien Mitarbeiters des Stadtmuseums Bad Vöslau, Gerhard Wanzenböck, durchgeführt werden. Ziel war es, einerseits aufgeschlossene Schichten der „Gainfarner Mergel und Sande“ zu zeigen, andererseits sollte Fundmaterial für das Stadtmuseum Bad Vöslau geborgen werden. Was jedoch im Zuge dieser Grabung ans Tageslicht kam, konnte niemand vorher erahnen. Das anfangs kleine Stück Seekuhrippe, das die Aufmerksamkeit auf sich zog, stellte sich nach vorsichtiger weiterer Freilegung als Teil eines großen Skelettverbandes heraus. Daher erfolgte die Verständigung des Instituts für Paläontologie der Uni Wien.
ÖPG Tagung 2006
Exkursionspunkt Gainfarner Mergel mit Seekuhskelett
Sofort am nächsten Tag begann die wissenschaftliche Ausgrabung dieses wichtigen Fundes unter der Leitung von Univ. Prof. Dr. Peter Pervesler.
Wie selten so ein Fund ist, mag dadurch aufgezeigt werden, dass in der nun schon mehr als 150 jährigen wissenschaftlichen, aber auch privaten Grabungstätigkeit in der „Gainfarner Bucht", neben Tausenden von Muschel- und Schneckenschalen, bisher nur ein Schulterblatt und Rippenfragmente der hier einst beheimateten Seekuhart, Metaxytherium cf. petersi (ABEL) (vormals Thalattosiren petersi ABEL) gefunden wurden. Weitere Rippen und Skelettteile dieser heute ausgestorbenen Seekuhart sind zwar auch aus anderen Fundpunkten in Österreich bekannt, vergleichbare komplette und gut erhaltene Skelette wurden jedoch nur 1867 in Hainburg NÖ und 1928 in St. Margarethen Bgld. gefunden und publiziert.
Die lateinischen Namen sind oft richtige Zungenbrecher und nicht gerade leicht zu merken. So wurde diese Seekuh aus Bad Vöslau liebevoll „Linda" getauft, was naheliegend war, da sie am Lindenberg gefunden worden ist.
Seekühe sind ca. 2,5m bis 4m große Meeressäugetiere, die sich vor mehr als 50 Mio. Jahren aus vierbeinigen landlebenden Pflanzenfressern entwickelt haben. Sie lebten vermutlich wie die Flusspferde von heute, mit denen sie aber nicht verwandt sind. Zu ihren nächsten Verwandten zählen die Elefanten und Klippschliefer . Diese werden gemeinsam in der Gruppe der Fasthuftiere zusammengefasst. Auf Grund ihrer perfekten Anpassung an ein ständiges Leben im Wasser, haben die Seekühe ihre Hinterbeine zurückgebildet und ihre Vorderextremitäten zu Schwimmpaddeln umgestaltet. Ihr waagrechter, zu einer Flosse umgebildeter Schwanz dient ihnen als Antriebsmittel, mit dessen Hilfe sie ihren massigen, walzenförmigen Körper durch seichtes Gewässer bewegen. Ihre Nahrung besteht vor allem aus Seegräsern, Wasserhyazinthen und anderen Wasserpflanzen. Immer wieder müssen sie aber ca. alle 5 Minuten auftauchen um ihre Lungen mit Luft zu füllen. Es wurden aber auch schon Tauchzeiten von 20 Minuten beobachtet.
Dugong dugon
Linda gehört zur Gruppe der Gabelschwanzseekühe (Dugongidae), die heute nur mehr durch eine Art Dugong dugon (Seeschwein) ausschließlich im Meer, an den Küsten des Indischen Ozean und im Roten Meer anzutreffen sind.
Bis in das 18. Jahrhundert gab es noch eine weitere Gabelschwanzseekuhart in den kalten Meeresgebieten der Beringsee. Die Stellersche Seekuh oder Borkentier war ein wahrer Gigant unter den Seekühen. Sie erreichte Längen bis 7m. Jedoch nur 27 Jahre nach ihrer Entdeckung war sie bereits von Walfängern, die sie wegen ihres Fleisches schätzten, ausgerottet. Eines der wenigen erhaltenen Skelette kann im Naturhistorischen Museum Wien betrachtet werden.
Karibikmanati
Die zweite noch lebende Seekuhfamilie sind die Rundschwanzseekühe (Trichechidae), die in drei vielleicht sogar vier Arten auf dieser Welt heute noch leben. Der bekannteste Vertreter ist wohl der Karibikmanati. Diese Seekuhfamilie ist aber nicht nur in den warmen Küstengebieten des Atlantiks zu finden, sondern lebt auch im Süßwasser des Amazonas und in verschiedenen westafrikanischen Flüssen. Alle Seekühe sind überaus friedfertige Tiere, die in kleineren Familienverbänden zusammenleben. Als Feind haben sie auf Grund ihrer Größe nur große Haiarten, den Schwertwal und leider noch immer den Menschen zu fürchten.
Wohl nicht viel anders als die heutigen Seekühe lebte Linda vor mehr als 15 Mio. Jahren hier in der „Gainfarner Bucht", wo sie gemächlich im 10 bis 30m tiefen Wasser schwamm und ihre Lieblingsnahrung, Seegraswurzeln, fraß. Seegräser, die nicht zu den Gräsern wie der Name fälschlicher Weise vermuten lässt, sonder zu den Laichkräutern gehören, brauchen zum Wachstum viel Licht und klares, sauberes Wasser. Daher kommen sie nur in Tiefen bis zu max. 30m bis 40m vor. Seegraswiesen bieten noch heute einer Vielzahl von verschiedenen Tieren einen geschützten Lebensraum und Nahrung. Fossile Vorfahren sind in Gainfarn zu finden, daher liegt der Schluss sehr nahe, dass es einst in der „Gainfarner Bucht" ausgedehnte Seegrasvorkommen gegeben haben muss.

Grabung 2006
Linda hätte sicher nie vermutet, dass einmal viele Jahre nach ihrem Tod, ihre Knochen ein derart wissenschaftliches-, aber auch mediales Interesse wecken würden. Nicht nur viele Zeitungen sondern sogar das Fernsehen berichteten über diesen Fund.
Penibel genau wurde von Mitarbeitern des Instituts für Paläontologie der Uni Wien, Grabungsleiter Univ. Prof. Dr. Peter Pervesler, den beiden Präparatoren Hr. Valentin Perlinger und Hr. Franz Mayer sowie den beiden Hobbypaläontologen Gerhard Wanzenböck und Hans Hobik in mühevoller Kleinarbeit alle Knochen freigelegt und anschließend mit modernsten Mitteln vermessen und dokumentiert.
Wissenschaftliche Aufnahme und Bearbeitung des Fundes erfolgte durch Univ. Prof. Dr. Peter Pervesler, Uni Wien
Sogar die Lage der Knochen enthält wichtige Informationen über die Strömungsverhältnisse in dieser Zeit. Sie wurden einzeln dem Boden entnommen und an das Institut für Paläontologie der Uni Wien gebracht. In mehrjähriger Präparationszeit wurden die äußerst zerbrechlichen Knochen von den erfahrenen,
Präparator Valentin Perlinger, Uni Wien
geduldigen Präparatoren weiter freigelegt, präpariert und konserviert. Im Anschluss folgte die genaue wissenschaftliche Erfassung und Bearbeitung des Knochenmaterials durch Univ. Prof. Dr. Peter Pervesler und seinem amerikanischen Kollegen und Fachmann für fossile Seekühe, Dr. Daryl Domning von der Howard Universität Washington D.C. .
Durch diesen tollen Fund aus Gainfarn war es ihnen möglich alle fossilen Seekuhfunde aus dem Badenium von Österreich nun der Art Metaxytherium cf. petersi (ABEL) zuzuordnen. Somit konnte die bisher gültige Gattung Thalattosiren gänzlich gestrichen werden.
Präparator Franz Mayer, Uni Wien
Stadtmuseum Bad Vöslau
Ziel war es, dass Linda wieder nach Bad Vöslau an das hiesige Stadtmuseum zurückkehrt. Ausgrabung, Präparation und Bearbeitung kostet neben Geduld, Fachwissen und viel Zeit aber auch Geld. Hier ist der Gemeinde Bad Vöslau und vor allem Hr. Bürgermeister Christoph Prinz zu danken, dass Mitteln zur Verfügung gestellt wurden um Linda „nach Hause" zu holen. Diese Anstrengungen und Gelder sind in jedem Fall gut angelegt, da nur ganz wenige Museen derart interessante Funde beherbergen.

Ein neuer Schauraum entsteht. Februar 2009
Im Februar 2009 war es dann endlich so weit. Linda wurde in Fundsituation (immerhin eine Fläche von fast 12m² ) nach drei jähriger Abwesenheit im Stadtmuseum aufgebaut.


Sie ist der Mittelpunkt einer Dauerausstellung, die den Besuchern den Lebensraum „Gainfarner Bucht" mit ihren angrenzenden Gebieten zeigen soll. In zwei großen Dioramen sind neben der Seekuh die Seegraswiese und der Küstenbereich Harzberg sowie die für das Badenium namensgebenden Tiefwasserablagerungen des Badener Tegels dargestellt. Die eiszeitlichen Funde aus der Höhle Merkenstein werden in einer Höhlennachbildung gezeigt.

Um den Besuchern des Museums auch einen Einblick in die ungeheure Artenvielfalt des warmen „Badener Meeres" zu ermöglichen, wurde eine Sonderausstellung mit Fossilien dieser Zeitstufe aus dem Wiener-, Eisenstädter- und Grazer Becken aufgebaut. Der Titel lautet „Tauchen sie ein in die Welt von Linda - Als Bad Vöslau noch am Meer lag". Anhand von Fischfossilien, vielen verschiedenen Seeigeln, Schildkröten- und Walfunden, etc., soll ein Bild von längst vergangenen Zeiten den Menschen von Heute vermittelt werden. Alle Fossilien stammen aus der Privatsammlung Gerhard Wanzenböck. So ein großes Projekt ist aber nicht alleine zu bewältigen. Nur durch den unermüdlichen Einsatz der Museumsleiterin, Dr. Silke Ebster und dem gesamten Museumsteam war die Verwirklichung dieses ehrgeizigen Plans möglich.
Sollte ihr Interesse an der geologischen Vergangenheit von Bad Vöslau in ihnen geweckt worden sein, so können sie sich darüber im Stadtmuseum Bad Vöslau ab 09.05.2009 informieren.
Eine Begehung des sehr informativ und modern gestalteten Geologischen Lehrpfades rund um den Harzberg ist ebenfalls nur zu empfehlen. Dieser wurde von dem anerkannten Geologen Dr. Godfrid Wessely gestaltet.
Ein Lebenstraum eines damals noch sehr jungen Hobbypaläontologen ist damit in Erfüllung gegangen, der vor vielen Jahren mit leuchtenden Augen vor einer Museumsvitrine im Kraholetzmuseum (Eggenburg) stand und sich sagte: „So was find´ ich auch einmal!!"
Öffnungszeiten Stadtmuseum Bad Vöslau:
Donnerstag 16.oo bis 19.oo
Sonn- und Feiertage 9.oo bis 12.oo
Stadtmuseum Bad Vöslau
Kirchenplatz 8, 2540 Bad Vöslau
+43-2252-76135
www.badvoeslau.at / stadtmuseum@badvoeslau.at